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Meldung Tipps & Info Tarifrechner 19.08.19
06.01.2019 - 18:20
Editorial

Editorial: Ist die Zukunft mit 5G noch zu retten?

Jeder will es anders:Wie kommt die Kuh vom Eis?

Die Versor­gung mit Mobil­funk war und ist in vielen Ländern eine hoheit­liche, genauer "staat­liche" Aufgabe. In Deutsch­land hat die Deut­sche Reichs­post in den 1920er Jahren mit dem Zugte­lefon expe­ri­men­tiert. Nach dem Krieg kamen A-, B- und C-Netz unter der Hoheit der Deut­schen Bundes­post auf den Markt. Das war 1G - aus heutiger Sicht.

Mit dem Start der digi­talen D-Netze (2G) wurde der private Wett­be­werb einge­läutet: D1-Telekom und erst­malig ein privater Wett­be­werber "D2-Privat" von Mannes­mann (heute Voda­fone). Es folgte Nummer drei: E-Plus und sogar Nummer vier: Die VIAG Interkom (heute o2). Maxi­maler Wett­be­werb war ange­sagt. Soweit so bekannt.

Weil aber der Aufbau eines vernünf­tigen Mobil­funk­netzes richtig viel Geld kostet und sich die vier Anbieter nur einen gegen­sei­tigen Preis­krieg lieferten, anstatt um das "wirk­lich beste Netz" zu wett­ei­fern, musste ein Anbieter sich vom anderen "über­nehmen" lassen und kämpft seitdem mit der Konso­li­die­rung im laufendem Betrieb und Kunden, die wenig bis nichts bezahlen, aber maximal viel Netz haben wollen. 100 Milli­arden liegen im Magen

Wird 5G zu einer Art Ersatzreligion? Verspricht 5G alles, was uns fehlt? Oder müssen wir erst für 5G bereit sein?

Wird 5G zu einer Art Ersatzreligion? Verspricht 5G alles, was uns fehlt? Oder müssen wir erst für 5G bereit sein?
Bild: teltarif.de

Für die 3G-Lizenz wurde die unglaub­liche Summe von rund 100 000 000 000 DM (= rund 50 000 000 000 Euro) ausge­geben. Sechs Lizenzen gab es seiner­zeit dafür. Vier Gewinner haben wirk­lich gebaut und konnten irgend­wann mit echten Kunden starten. Die anderen beiden Lizenz­ge­winner kamen über einen Probe­be­trieb nie hinaus und mussten schließ­lich aufgeben. Das Geld war futsch. Kosten­er­stat­tung gab es nicht.

Bei der Verstei­ge­rung von 4G ging es schon gemäch­li­cher zu. Es gibt Ausbau­ver­pflich­tungen, doch erfüllt sind die noch lange nicht.

Bei der Verstei­ge­rung von 5G gingen die meisten davon aus, dass die verblie­benen Telekom, Voda­fone und Telefónica das wohl irgendwie und irgend­wann hinbe­kommen würden, ein mehr oder weniger flächen­de­ckendes Netz zu bauen. Aber "bitte mischt Euch nicht in unser Busi­ness ein", so die klare Nach­richt der drei Netz­be­treiber an die Politik. Politik im Panik­modus Doch die Politik ist im "Panik­modus". Möglichst schnell, möglichst überall und möglichst günstig soll es werden und am liebsten gleich morgen früh soll das Netz der Netze kommen, das uns den Aufschwung und eine prospe­rie­rende Wirt­schaft besorgen soll.

Die Bundes­netz­agentur stellte Regeln für die 5G-Auktion vor. Diese empfinden die Netz­be­treiber schon als zu streng, würden sie aber zu knapper Not noch tole­rieren. Doch diese Regeln waren der Politik zu lasch. Sie machte Druck. Flächen­de­ckung? Jetzt, sofort, überall. Die Bundes­netz­agentur legte etwas nach, die Netz­be­treiber in heller Aufruhr ziehen vor den Kadi. Nein, die Auktion ist noch nicht in Gefahr, weil Gerichte viel Zeit brau­chen und bis dahin kann schon viel passiert sein. Neue Kläger, neue Spieler ,Doch da sind ja noch mehr Kläger: Klei­nere, meist regio­nale Netz­be­treiber, aber auch Diens­te­an­bieter (Service-Provider) führen Klage. Ihr Kritik­punkt: Wir möchten eine Diens­te­an­bie­ter­ver­pflich­tung. Soll heißen: Die Netz­be­treiber müssen uns ihre Dienste und Netz­pro­dukte anbieten, und zwar zu möglichst güns­tigen Preisen. Der Preis ist der Kern des Ganzen. Service-Provider, die ausrei­chend Geld ausgeben, bekommen heute schon von den Netz­be­trei­bern jeden Tarif und jede Netz­funk­tion, die sie wollen. Nur bei den Discount-Tarifen ist LTE beispiels­weise noch ein knappes Luxusgut.

Doch da sind "neue" Spieler auf der Szene. Sie können sich vorstellen, in die Mobil­funk­branche richtig einzu­steigen und sie möchten vieles anderes besser und vor allen Dingen güns­tiger machen. Den etablierten Netz­be­trei­bern steigen die Schweiß­perlen auf die Stirn. Und die Indus­trie Und dann gibt es Indus­trie­un­ter­nehmen, die ihr "eigenes" Netz wollen, weil sie ihre Geschäfts­ge­heim­nisse mit niemandem sonst teilen möchten und ihnen das Vertrauen fehlt, dass die etablierten Unter­nehmen wie Telekom, Voda­fone oder Telefónica den Netz­ausbau über­haupt noch hinbe­kommen. Alle im Alarm­modus Alarm­modus bei den Netz­be­trei­bern. Teil­weise haben sie ihr Bautempo schon verschärft. Teil­weise haben sie (nur) ihre PR-Akti­vi­täten verstärkt, um den wenigen Ausbau, den sie eh schon durch­ge­führt haben, optimal zu verkaufen.

60 000 bis 70 000 Sende­sta­tionen stehen aktuell in Deutsch­land, genauso viele wie alleine in der japa­ni­schen Haupt­stadt Tokio. Schon länger geis­tern Zahlen über 700 000 notwen­dige Sender oder gar 1,2 Millionen durch den Raum. Das sind natür­lich nicht alles Monster-Sende­türme, die "optisch erschre­ckend" wirken, sondern viele kleine Antennen auf Tele­fon­zellen, in Rekla­me­ta­feln oder Kanal­de­ckeln, kurz unsichtbar. Aber sie müssen aufge­baut werden. Brau­chen wir Stadt­netz­be­treiber für 5G? Stadt­netz­be­treiber argu­men­tieren durchaus plau­sibel, dass die großen Netz­be­treiber viel zu schwer­fällig sind, um solch ein dichtes Netz in kurzer Zeit hinzu­be­kommen. Dazu braucht man flächen­de­ckend Glas­faser, was die großen noch nicht überall oder quasi kaum haben. Entweder müssen sie es sich mühsam zusammen mieten oder befreun­dete Unter­nehmen bitten, Strippen zu legen, was dauern kann. Moderne Stadt­netze haben früh­zeitig ihre Städte mit Glas­faser und/oder Leer­rohren ausge­rüstet und könnten jetzt beim Aufbau helfen. Das ist den etablieren Mobil­fun­kern unheim­lich. Vermut­lich würde diese gemie­tete Glas­faser wesent­lich teurer, fürchten die Etablierten, als wenn man selbst baut - oder die denk­baren Renditen schmelzen weiter. Wie kommen wir durch die Büro­kratie? Doch selbst, wenn sich große und kleine Netz­be­treiber einigen: Wird es gelingen, die allmäch­tige Büro­kratie zu bezwingen, die für jeden Einzel­sender zwei Jahre Geneh­mi­gungs­zeit braucht? Werden die Bürger vor Ort begreifen, dass sie mit Bedenken und Einsprü­chen den Netz­ausbau und ihre eigene Zukunft selbst verhin­dern? Werden die Bürger begreifen, dass das gewünschte Super­netz nicht zum Null­tarif vom Himmel fällt, sondern gebaut und bezahlt werden muss? Zauber­lö­sung: Staats­netz? Poli­tiker aus der CSU schlagen ein "Staats­netz" vor. Wie muss man sich das vorstellen? Wird das Zentralamt für Mobil­funk (ZfM), einst in Münster, wieder belebt oder wird es ein Bundesamt für Mobil­funk geben? Wird diese neue Behörde selbst mit eigenen Leuten Sende­masten aufstellen und mit Technik versehen und danach an die etablierten oder künf­tigen Netz­be­treiber vermieten? Oder gibt die Bundes­re­pu­blik Deutsch­land am Ende "ihrer" Telekom (woran sie noch etwa 30 Prozent Akti­en­an­teile hat) den Auftrag, die Funk­lö­cher gegen Kosten­er­stat­tung zu schließen und dort dann gegen Entschä­di­gung lokales Roaming zu erlauben?

Oder müssen wir damit rechnen, dass von den drei großen Netz­be­trei­bern noch ein weiterer die "Lust verliert" und nur noch zwei große und eine Unzahl klei­nerer Anbieter übrig bleiben? Oder landen wir beim Einheits-Staats­netz, dass dann von den bishe­rigen Anbie­tern mit magen­tanen, roten oder blauen Schleif­chen verkauft werden wird? Es ist Druck im Kessel Wenn wir wirk­lich ein flächen­de­ckendes Netz wollen, sind Klage­schlachten vor den Gerichten der falsche Weg. Wir haben ein gemein­sames Ziel. "Flächen­de­ckung." Doch was bedeutet das eigent­lich? Wie wird das gemessen? Mit Außen­an­tennen drei Meter über dem Fahr­zeug­dach des Mess­fahr­zeuges? Oder mit Crowd­sour­cing-Apps, die in realen Handys unter realen Bedin­gungen betrieben werden?

Da muss die Bundes­netz­agentur noch Haus­auf­gaben machen. Und dann muss endlich gebaut werden. Jeden Tag viele neue Stationen, bis in 3-4-5 Jahren eine Halb­wegs-Flächen­de­ckung erfolgt ist. Es ist eine Minute nach zwölf.

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