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16.01.2019 - 18:14
Verzockt

M-net kämpft mit Glasfaser in Cham

Kein Tiefbauunternehmen zu finden, bis zu 100 Millionen Schaden

Alle Welt redet von Glasfaser und dem fehlenden Ausbau. Regelmäßig wird der Deutschen Telekom vorgeworfen, "viel zu wenig" zu tun. Teilweise trauen sich private Konkurrenten an regionale Projekte heran, deren Zeitpläne am Ende oft nicht so verlaufen, wie die interessierten Kunden es sich vorstellen.

Denn: Für Telefongesellschaften, die sich an den Ausbau von Glasfaser in der Fläche herantrauen ist das oft ein gefährliches Unterfangen, weil die Baukosten ganz schnell aus dem Ruder laufen können. Besonders teuer: Die Verlegung von Glasfaser erfolgt in Deutschland überwiegend unterirdisch und dazu braucht man Tiefbaufirmen. Die sind rar gesät und auf Jahre ausgebucht. Cham: Warten auf die Glasfaser

Beste Aussichten im Landkreis Cham: Wenn nur die von M-net  versprochene Glasfaser bald käme.

Beste Aussichten im Landkreis Cham: Wenn nur die von M-net versprochene Glasfaser bald käme.
Foto: Stadt Cham, Logos: M-Net/Landkreis Cham

Im Landkreis Cham (Bayern) hatte im Jahr 2017 der private Anbieter M-net eine Ausschreibung gewonnen, den Landkreis (37 Dörfer) mit Glasfaser zu versorgen. Nach dem Spatenstich im Sommer 2017 lief alles schief. Angeblich hätten die Bautrupps sofort planlos Straßen aufgerissen, Anwohner und Bürgermeister hätten massiv protestiert. "Da ist alles in sich zusammengebrochen." Seitdem ist nichts mehr passiert. Vom ursprünglichen Bauunternehmen habe man sich getrennt. M-net im Kreuzfeuer Mittendrin: Das Kommunikationsunternehmen M-net, das nun offenbar in einer tiefen Krise steckt. Sogar über eine mögliche Insolvenz werde auf den Münchner Rathaus-Fluren geraunt, berichten Süddeutsche Zeitung (SZ), die Münchner Abendzeitung und Telecom Handel.

Hinter dem privaten Telekommunikationsanbieter M-net stehen verschiedene bayerische Kommunen, darunter als Hauptanteilseigner die Stadtwerke München (SWM). In geheimer Sitzung wurde es den Stadtwerken erlaubt, für M-net den ausstehenden Schadensersatz zu übernehmen. Niemand wolle, so die Abendzeitung, dass die Münchner Privatkunden von M-net unter dem Chaos um den Glasfaser-Ausbau im Landkreis Cham in der Oberpfalz leiden müssen.

M-net betonte auf Nachfrage der Abendzeitung, "Gerüchte" zu einer möglichen Insolvenz seien "definitiv falsch". Es bestünden "keine finanziellen Schwierigkeiten" und es gebe "keine Grundlage für derartige Spekulationen". Stadträte, die die Zahlen kennen und die den Stadtwerke-Chef Florian Bieberbach in der nicht-öffentlichen Sitzung erlebt haben, stellen die Situation deutlich dramatischer dar. Bieberbach habe ausführlich dargelegt, wie groß die Probleme seien, hieß es hinterher. Es sei deutlich geworden, dass es weiter keine Lösung für den Streit mit dem Landkreis Cham gebe. Cham wartet weiter auf Glasfaser-Kabel von M-net Angefragte Bauunternehmen scheinen keine Lust zu haben oder sind auf Jahre ausgebucht. Einige Unternehmer gaben "Abwehr"-Angebote zum dreifachen üblichen Preis ab. Daraus ist wohl die Summe von 100 Millionen Euro entstanden, die M-net brauchen könnte, um fertig zu bauen, wird in München spekuliert. Geschäftsleitung entlassen Von der ehemaligen M-net-Geschäftsführung habe man sich bereits getrennt und prüfe, ob man Schadensersatzforderungen geltend machen könne. Auch der Unternehmer Leybold, der die Arbeiten für M-net vor Ort ursprünglich ausführen sollte, könnte in Regress genommen werden. Der möchte aber, laut "Chamer Zeitung", einen Millionenbetrag zurück haben, den er nach eigenem Bekunden schon in das Projekt gesteckt hat. "Ich hatte schon 86 Mitarbeiter für Cham eingestellt", wird er zitiert, "ein leerstehendes Hotel als Unterkunft für meine Leute angemietet, einen Bauhof in Cham-Michelsdorf eingerichtet und kilometerweise Glasfaser- sowie Leerrohre vorbestellt". Mittlerweile wolle M-net von dieser Vereinbarung nichts mehr wissen. Hohe Schadenersatzforderungen Weil in Cham nichts mehr passiert, denkt der dortige Landkreis über hohe Schadenersatzforderungen nach. Einige hoffen, billigere Lösungen für den Internet-Ausbau in dem Landkreis zu finden, etwa durch Freiluftglasfaserleitungen auf Masten. Doch die werden wohl nicht gefördert.

Eine Insolvenz von M-net möchten die Verantwortlichen auf jeden Fall vermeiden, da es die Privatkunden des Unternehmens treffen würde. In einer gemeinsamen Erklärung der Gesellschafter von M-net hieß es, das Ziel sei "eine für alle Beteiligten tragfähige Lösung zu finden und gerichtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden". In Cham wird derzeit überlegt, ob man einen anderen Anbieter wählen könnte. Andererseits soll M-net nicht aus den eingegangenen Verpflichtungen entlassen werden.

Derweilen ergießt sich auf dem Nachrichtendienst Twitter beißender Spott über die Probleme von M-net. Glasfaser, so twittert der Telekom-Pressesprecher und Netzspezialist Markus Jodl, sei wohl keine "Lizenz zum Gelddrucken".

Update vom 17.01.19: Stellungnahme von M-net Inzwischen hat uns einer Stellungnahme von M-net erreicht: "Es ist richtig, dass das Projekt in Cham aus verschiedenen Gründen nicht im ursprünglichen Zeitplan umgesetzt werden konnte. Wir befinden uns aber nach wie vor im engen Austausch mit unserem Vertragspartner, dem Landkreis Cham, um eine Lösung für den Breitband-Ausbau in der Region zu entwickeln.
Aus diesem Grund verbietet sich für uns zum jetzigen Zeitpunkt jegliche Spekulation über mögliche Schadensersatzansprüche oder gar Geldsummen, da wir gemeinsam mit dem Landkreis mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten.
Die offenen Fragen betreffen ausschließlich das Ausbauprojekt in Cham und haben keine Auswirkungen auf andere laufende Ausbauprojekte oder auf unsere Kunden in anderen Regionen. Es ist selbstverständlich sichergestellt, dass unsere Kunden weiterhin ihre gewohnten Leistungen erhalten.
Und die wichtigste Botschaft aus unserer Sicht: Die Gerüchte zu einer möglichen Insolvenz sind definitiv falsch. Es bestehen keine finanziellen Schwierigkeiten und es besteht keine Grundlage für derartige Spekulationen."
Ende des Updates Eine Einschätzung Spricht man mit Bauunternehmern, so sind die wenig begeistert, Gräben für Glasfaser auszuheben. Die Telekommunikationsunternehmen erwarteten mehr als perfekte Leistung und wollten dafür möglichst wenig bezahlen. Bevor Geld fließe, seien umfangreiche Prüfungen abzuwarten (wo garantiert ein Haar gefunden werde) und die Zahlungsziele lägen weit in der Ferne.

Spricht man mit Gemeindevertretern, so erwarten diese, dass Glasfaser "jetzt, gleich, sofort" verlegt werde. Bei länger anhaltenden Baustellen stiegen die Beschwerden der Bürger explosionsartig an. Gesperrte Straßen würden dennoch befahren, weil kein Bürger Umleitungen in Kauf nehmen wolle. Hinzu kämen mangelhafte bis nicht vorhandene Informationen, welche Straßen wann und wie lange gesperrt seien, hört man von Anwohnern.

Dass es hier ein beim Glasfaserausbau überaus aktives privates Telekommunikationsunternehmen "getroffen" hat, ist bitter, fördert aber auch das Verständnis, warum die Deutsche Telekom nicht immer und überall und sofort ausbauen kann und will, weil sie über ähnliche Erfahrungen zur Genüge verfügt. Für den geforderten Netzausbau braucht man nicht nur viel Geld, sondern auch Erfahrung, Know-How und noch mehr Geduld.

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