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02.06.2019 - 12:31
Funklöcher

Funkloch: Wenn das Müllauto die Netzversorgung misst

Es gibt mehr Funklöcher als gedacht

Über schlechten Handy­empfang klagen viele Nutzer, speziell auf dem Land. Um ein Gefühl zu bekommen, welcher Anbieter an welchen Orten wie gut versorgen könnte, gibt es die Abde­ckungs­karten der Netz­betreiber im Internet. Doch diese Karten sind oft "berechnet" und nicht überall vor Ort nach­gemessen.

Um die Diskus­sion um den Netz­ausbau zu versach­lichen, werden die Netze von Privat­personen, aber auch von darauf spezia­lisierten Fach­firmen nach­gemessen. Die verwen­deten Methoden sind teil­weise richtig kreativ. Wie die Fern­sehsen­dung Hessen­schau des Hessi­schen Rund­funks (früher Hessen3) heraus­gefunden hat, muss jetzt die Müll­abfuhr helfen. Müll­auto als Mess­fahr­zeug

Mit 9 Handys in einer Plastiktüte können die Netze reproduzierbar vermessen werden

Mit 9 Handys in einer Plastiktüte können die Netze reproduzierbar vermessen werden
Foto: Hessischer Rundfunk (HR)

Dazu hatten die Müll­fahr­zeuge, die in der Wetterau (nord­östlich von Frank­furt am Main) gelbe Säcke einsam­meln, eine Spezi­alauf­gabe: Macht mal eine Handy­messung. Und das geht so: Auf neun baugleiche Smart­phones wurde eine spezi­elle Mess-Soft­ware aufge­spielt, dann unter­einander mit einem spezi­ellen Lade­kabel mit einer Zufüh­rung zu neun Lade­buchsen der Handys verbunden und in eine Art über­dimen­sionalen Plas­tikbeutel gesteckt. Das Strom­kabel führte zum Ziga­retten­anzünder, die Tüte lag auf dem Arma­turen­brett. Bei drei Netzen und drei Tech­nolo­gien (nämlich 2G, 3G und LTE) waren 9 Handys notwendig.

Die Idee hatte die schwe­dische Firma Iqmtel, die sich auf Netz­messungen spezia­lisiert hat. Die Mess­ergeb­nisse lassen sich die Tech­niker von IQMtel direkt auf einer Karte anzeigen. Zur Verein­fachung gibt es grüne, gelbe und rote Punkte. Rot bedeutet schlechter Empfang. Björn Meschen­moser leitet die deut­sche Nieder­lassung von Iqmtel in München und hat das Pilot­projekt initi­iert. "Finden wir an einem Ort mehrere rote Punkte, gehen wir von einem Funk­loch aus", erklärt er.

Der Gag an der Idee: Die Müll­fahr­zeuge kommen überall vorbei, selbst auf dem kleinsten Dorf und fahren feste, wieder­kehrende Routen. Das ist für repro­duzier­bare Messungen ideal. Eigent­lich sollten die berech­neten Karten der Netz­betreiber genü­gend Hinweise geben, wo es geht oder nicht. Aber die Topo­graphie oder "Stör­faktoren" wie Bäume, hohe Gebäude oder ein schlichter Baukran können den Empfang stören. Aufgrund solcher Stör­faktoren passiert es immer wieder, dass die Karten des Netz­betrei­bers von gutem Empfang ausgehen. Die Realität ist aller­dings eine andere.

Spricht man mit den Tech­nikern der Anbieter, so räumen sie schnell ein, dass sie als Netz­betreiber eigent­lich schon "wissen, wo es nicht richtig geht". Aber oft findet sich kein passender Standort für eine Antenne, weil Anwohner protes­tieren oder Behörden ewig brau­chen und dann spielen auch die Baukosten eine Rolle - beson­ders bei Netz­betrei­bern, die aufgrund inter­natio­naler Verpflich­tungen eine ange­spannte Kassen­lage haben.

Die Firma IQMtel macht Netzmessungen mit Müllautos

Die Firma IQMtel macht Netzmessungen mit Müllautos
Bild: IQMtel.de, Screenshot: teltarif.de

Die Messungen der Müll­autos haben den winzigen Ort Bind­sachsen gefunden, der zur Gemeinde Kefenrod (Wetterau, Hessen) gehört. Die Messungen haben bestä­tigt, dass Bind­sachsen in einem Funk­loch liegt. Nun muss den Mobil­funk­anbie­tern noch klar gemacht werden, dass hier Abhilfe geschaffen werden muss. Und Bind­sachsen ist kein Einzel­fall. Die Müll­autos beweisen eigent­lich nur, was beispiels­weise in der Wetterau die Nutzer schon längst wussten: Beson­ders auf dem Land, im östli­chen Teil der Wetterau, ist der Empfang oft ziem­lich schlecht.

Aber diese Erkenntnis liegt nun repro­duzierbar erhoben vor. "Nun kann die Politik den Netz­betrei­bern so auf Augen­höhe gegen­über­treten", erklärt Meschen­moser. Und das, so bestä­tigt es der Kreis­beigeord­nete Matthias Walther (CDU), "ist das Ziel der Mess-Aktion". Walther ist für die Entwick­lung des Wetter­aukreises und somit auch für die Mobil­funk­netz-Abde­ckung zuständig. "Wir versu­chen mit den Messungen die Funk­löcher zu finden, um sie dann besei­tigen zu können." Beson­ders von Gewer­betrei­benden bekommt Walther viele Beschwerden. Mit gutem Netz in die Zukunft Dabei geht es Walther vorerst gar nicht um den kommenden Stan­dard 5G. Viele Bürger wollen wenigs­tens verläss­lich mobil tele­fonieren können. Der Wunsch des Dezer­nenten: Voll­stän­dige Netz­abde­ckung des Wetter­aukreises. Zusammen mit dem Breit­band­ausbau sei Mobil­funk ein großer Stand­ortvor­teil und wichtig für die Zukunft der boomenden Region.

Das Ergebnis der vier­wöchigen Pilot­phase in der Wetterau wurde heute auf dem hessi­schen Gigabit-Gipfel in Frank­furt vorge­stellt. Andere Regionen haben bereits Inter­esse an der Methode bekundet. So wird längst auch im Rheingau-Taunus-Kreis und im baye­rischen Lich­tenfels. Eine Einschät­zung: Es ist gut, das sich Landes­regie­rungen, Land­kreise und Kommunen endlich einmal sach­lich um das Thema Mobil­funk kümmern. Mobil­funk ist heute unent­behr­lich geworden, er wird in vieler Hinsicht gebraucht. Da muss das Thema Netz­versor­gung neu gedacht werden. Wer aber die Geister ruft, muss auch klar sagen, wie der bessere Netz­ausbau finan­ziert werden soll. Mit Billig-Inklusiv-Tarifen für 3 bis 4 Euro im Monat wird das auf die Dauer nicht klappen. Beson­ders wenn wich­tige Milli­arden in endlosen Frequenz-Auktionen verheizt werden, die heute schon für den Netz­ausbau fehlen.

Länder, Kreise und Kommunen werden auch verstehen, dass sie es in der Hand haben, durch schnel­lere Geneh­migungs­verfahren oder das aktive Finden und Ausweisen von Stand­orten, den besseren Netz­ausbau in Bewe­gung zu bringen.

Die 5G-Frequenz­auktion in Mainz ist nach wie vor im Gange. Details zur aktu­ellen Situa­tion lesen Sie in einer weiteren Meldung.

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