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02.04.2019 - 14:11
Eigenes Netz

5G Campus-Netze: Mit Flächen­deckung und Sicherheit

Mögliche Erfolgsstory - wenn es richtig gemacht wird

Ein Stichwort auf der Hannover Messe Industrie sind Campus-Netze. Der Begriff „Campus“ kommt aus dem lateinischen und heißt sinngemäß „Feld“ oder „Gelände“. In der Forschung und der Industrie versteht man unter „Campus“ ein Firmen- oder Universitätsgelände. Firmen möchten gerne ihre Produktionen von Verkabelung (sehr störanfällig) auf drahtlos umstellen. Dazu verwenden sie schon seit einiger Zeit WLAN (engl. WiFi). Das funktioniert nicht immer so wie gewünscht, da die Frequenzen „öffentlich“ sind, d.h. sie können mit Computer-Mäusen, Modellflugzeugen, Tastaturen, Fernsteuerungen, WLAN-Anwendern, die ihren Computer vernetzen wollen, und vielem mehr belegt sein.

Die Idee ist also, ein möglichst exklusives Frequenzband zu nehmen und damit auch mobil im Firmengelände telefonieren oder Nachrichten austauschen zu können, von der Fernsteuerung der Produktion oder ihrer Helfer einmal abgesehen. Campus selbst aufbauen oder Experten bauen lassen?

Das Funktionsprinzip einer vernetzten Fabrik mit Campus-Netz

Das Funktionsprinzip einer vernetzten Fabrik mit Campus-Netz
Grafik: Deutsche Telekom

Beim Campus-Netz sorgt ein Netzbetreiber (beispielsweise die Deutsche Telekom) erst mal für eine Funkversorgung des öffentlichen Mobilfunknetzes auf dem Firmengelände, in dem eine oder mehrere Stationen aufgestellt werden, die nicht nur das Gelände, sondern auch Büros und Lagerhallen („indoor“) abdecken.

Softwaremäßig werden zwei Netze installiert, das bereits erwähnte öffentliche, das jeder Kunde des Mobilfunkanbieters (auch Nicht-Mitarbeiter der Firma wie Besucher, Lieferanten, Kunden oder Passanten, die draußen vor dem Werkstor stehen) nutzen kann. Dann gibt es ein „privates“ Netz, das nur den Firmen-Systemen und ausgewählten Mitarbeitern zur Verfügung steht. Alles, was in diesem „privaten“ Teil passiert, bleibt im Firmengelände, die notwendigen Computer oder Cloudspeicher befinden sich an der „Edge“ (zu deutsch „Kante“) des Geländes, d.h. die Firma hat Kontrolle über die Daten und die Wege sind kurz, die Latenzen damit auch. Campus funktioniert in Schwabmünchen Das erste reale Campus-Netz läuft bereits in Schwabmünchen bei Augsburg, bei der Firma Osram, die man gemeinhin als Hersteller von Lampen oder genauer Leuchtmitteln aller Art kennt. Die Telekom nutzt dieses Campus-Netz, um praktische Erfahrungen zu sammeln, aber auch um zu zeigen, was heute schon möglich ist. Aktuell werden Campus-Netze meist mit 4G-(LTE)-Technik realisiert, was die meisten Features heute schon abbilden kann, für schnellere Datenübertragungen und noch kürzere Latenzen wird aber künftig „echtes“ 5G notwendig werden, dann können die privaten Teile über "Slicing" von der Außenwelt abgeschirmt werden.

Wenn ein Netzbetreiber wie die Telekom ein Campus-Netz aufbaut, verwenden sie lizenzierte Frequenzen, die sie schon ersteigert haben oder nach Ende der aktuellen Bieterschlacht in Mainz ersteigert haben werden. Freie Frequenzen bei 3,7 GHz

Campus-Netze spielen beispielsweise in der Automobilproduktion der Zukunft eine wichtige Rolle.

Campus-Netze spielen beispielsweise in der Automobilproduktion der Zukunft eine wichtige Rolle.
Foto: Henning Gajek / Teltarif.de

Die Frequenzbedingungen der Bundesnetzagentur sehen aber auch vor, dass Industrieunternehmen eigene Frequenzen zwischen 3,7 und 3,8 GHz oder bei 26 GHz beantragen können. Bei einem von der Telekom (oder einem anderen Netzbetreiber) unterstützten Campus-Netz könnten solche Frequenzen für den „privaten“ Teil des Netzes durchaus mitverwendet werden. Die Bundesnetzagentur bietet auch an, diese Frequenzen den „normalen“ Frequenzinhabern (wie Telekom, Vodafone, Telefónica oder künftig vielleicht auch Drillisch) so lange zu überlassen, wie kein anderes Unternehmen an einer bestimmten Stelle selbst aktiv werden möchte.

Für Campus-Netze bieten Netzwerkausrüster wie Nokia oder Ericsson sogenannte „Do it yourself“ Kits an, womit Industrieunternehmen (theoretisch) ihr eigenes Campus-Netz aufbauen könnten. In der Praxis, so wird an den Ständen der Ausrüster aber geraten, sollte man auf die Expertise eines erfahrenen Netzbetreibers bauen, da es weitaus mehr Vorteile hat, zumal oft auch die Versorgung mit öffentlichen Mobilfunknetzen auf Firmengeländen „stark verbesserungsfähig“ ist. Eine Einschätzung Auf der Hannover Messe ist die Deutsche Telekom der einzige Netzbetreiber, der sich an einem eigenen Messestand präsentiert und zeigt, welche Rolle die Netzbetreiber in der komplett vernetzten „Industrie x.0“, dem Nachfolger von Industrie 4.0 spielen können.

Sicher können technisch pfiffige Unternehmen, mit Hilfe der freien Frequenzen bei 3,7 bis 3,8 GHz ein „eigenes“ Netz aufstellen. Sie werden aber schnell merken: Wenn der LKW mit den wichtigen Gütern das Werksgelände verlässt, ist er wieder auf „öffentliche Netze“ angewiesen.

Die Diskussion um private Netze wäre gar nicht so hochgekocht, wenn die Mobilfunknetzbetreiber mit dem flächendeckenden Ausbau viel weiter vorangekommen wären. „Das dafür notwendige Geld wird leider aktuell in Mainz sinnlos verheizt“, wie Brancheninsider sich auf der Messe kritisch äußerten.

Produktionsbetriebe, besonders wenn sie abseits der viel befahrenen Trampelpfade liegen, haben gerade „indoor“ eine gruselige bis gar nicht vorhandene Indoor-Versorgung, Energiesparfenster in Hochhäusern riegeln bekanntlich auch Mobilfunkwellen wirksam ab.

Da ist das Vertrauen der Industrieunternehmen in schnellen Ausbau so tief gesunkenen, dass sie es lieber selbst in die Hand nehmen wollen. Gibt es nur die Telekom? Schaut man nach Hannover, ist es mehr als enttäuschend, dass Mobilfunkanbieter wie Vodafone oder Telefónica, die ja auch Geschäftskunden adressieren wollen, nicht den Mut haben, sich selbst mit einem Infostand zu präsentieren. Soll der gesamte Netzausbau am Ende doch weitgehend bei der Telekom landen? Deren CEO Höttges hat schon mehrfach klar gemacht, dass die Telekom einen landesweiten flächendeckenden Ausbau ohne Partner gar nicht schaffen kann. Dieser Ausbau ist aber bitter notwendig.

Sogar auf dem Messegelände, was bisher als Leuchtturmprojekt modernen Mobilfunks galt, gibt es inzwischen Netzprobleme, wie uns von Betroffenen unter der Hand verraten wurde.

Auch T-Systems ist auf der Messe präsent. 30 Prozent neue Aufträge und eine leichte Umsatzsteigerung zeigen, dass das Konzept des T-Systems-Chefs Saleh aufgehen könnte.

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