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22.04.2019 - 10:00
Hintergrund

Bots oder Menschen: Wer bestimmt die öffentliche Meinung?

Die anstehende Europawahl im Visier

Die Frisur sitzt, aber der Schal bereitet Probleme. Reza Kazemi zupft sich hektisch am roten Kaschmir, den er zu Hemd und offenem Sakko trägt. Gleich soll sein Vortrag über poli­ti­sche Kampa­gnen im Internet beginnen. Die Zuhörer in einem kleinen Konfe­renz­raum des Brüs­seler Euro­pa­par­la­ments warten bereits.

Kazemi nennt sich "Spin-Doctor" - ein Poli­tik­be­rater, der Aufträge von Parteien annimmt. Sein Job: Menschen zum rich­tigen Kreuz­chen zu bewegen. Und das, sagt er, gehe heute weniger über Werbe­spots, Plakate und Prospekte als durch Rele­vanz in sozialen Medien. Computer-gesteu­erte Debatten können Wahl­kämpfe ins Trudeln bringen; die Abwehr digi­taler Angriffe bereitet überall Kopf­zer­bre­chen. Denn ja, meint der Politik-Experte, im Internet herr­sche ein Kampf um die Meinungs­macht, oft mit unsau­beren Mitteln. Hetz­kam­pa­gnen kommen schon nach kurzer Zeit Die Abge­ord­neten des EU-Parla­ments, die gekommen sind, lauschen Kazemis Vortrag gespannt. Sie tagen zu einem Phänomen, das kurz vor der Euro­pa­wahl Ende Mai viele Poli­tiker Brüssel verun­si­chert. Bots und künst­liche Intel­li­genz - von den Begriffen haben sie alle schon gehört. Aber welche Bedeu­tung könnten sie für den Wahl­kampf zwischen Lissabon und Helsinki haben?

Kazemi erin­nert an einen Tag im Sommer 2015, als Bundes­kanz­lerin Angela Merkel ihren Account im sozialen Netz­werk Insta­gram eröff­nete. Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich russi­sche Internet-Trolle auf ihrer Seite austobten. Fake-Nutzer schrieben unzäh­lige Kommen­tare wie "I love Putin" und "Putin is the best". Außerdem belei­digten sie Merkel. Die Bundes­re­gie­rung musste das Konto vorüber­ge­hend offline nehmen. Mitt­ler­weile sind die Hetz­kam­pa­gnen in den Kommen­tar­spalten deut­lich ausge­feilter - und sie können jeden treffen.

Europa-Wahlkampf: Seriöse Information oder Desinformation im Netz

Europa-Wahlkampf: Seriöse Information oder Desinformation im Netz?
Bild: dpa

Troll-Fabriken: Social Bots agieren auto­ma­ti­siert "Ein Troll ist ein Mensch hinter einer Soft­ware", erklärt Kazemi. Oft stammten die Angriffe aus Troll-Fabriken in Russ­land. Rund um die Uhr arbei­teten hier Tausende Menschen und steu­erten unzäh­lige Social-Media-Profile von Menschen, die gar nicht exis­tierten. Die Social Bots agierten dann auto­ma­ti­siert. "12 Menschen können so den Eindruck erwe­cken, als hätten 25 000 Menschen etwas geteilt", sagt Kazemi. Das wiederum führe zu großer Aufmerk­sam­keit - letzt­lich auch in den etablierten Medien.

Auch Paul Luko­wicz ist an diesem Abend ins Euro­pa­par­la­ment gekommen. Der 51-Jährige ist Leiter des Forschungs­be­rei­ches Einge­bet­tete Intel­li­genz am Deut­schen Forschungs­zen­trum für Künst­liche Intel­li­genz. "Als ich ein junger Mann war, musste man, um natio­nale Aufmerk­sam­keit zu bekommen, zu einer Zeitung gehen. Da war ein Filter, der darüber bestimmt hat, wer Aufmerk­sam­keit bekommt", erin­nert er sich. Heute sei das anders. Im Internet lasse sich mit der rich­tigen Technik Rele­vanz für etwas gene­rieren, das bislang zurecht als völlig irrele­vant gelte.

Aller­dings, so Luko­wicz, dürften Bots keines­wegs nur verteu­felt werden. "Inter­es­sant ist doch, dass wir in unserer Meinungs­bil­dung entschei­dend auf Bots ange­wiesen sind - nehmen Sie das Beispiel Google." Auch Such­ma­schinen seien Bots, die sich durch das Netz wühlten und auf Basis von Algo­rithmen nach Rele­vantem suchten. In Zukunft, meint Luko­wicz, würden wir noch viel stärker mit Bots kommu­ni­zieren. "Es geht also nicht darum, das Phänomen zu verwei­gern, sondern es so auszu­ge­stalten, dass es keinen Schaden verur­sacht." Desin­for­ma­tion: Gezielte Verbrei­tung falscher Infor­ma­tionen Genau über eine solche Gestal­tung wird in Brüssel seit Monaten disku­tiert. Denn die Sorge vor mani­pu­la­tiven Kampa­gnen ist vor der Euro­pa­wahl beson­ders groß. Unter dem Schlag­wort Desin­for­ma­tion machen sich die EU-Insti­tu­tionen darüber Gedanken, wie gegen die gezielte Verbrei­tung falscher oder irre­füh­render Infor­ma­tionen vorge­gangen werden könnte.

Bereits im Dezember stellte die EU-Kommis­sion einen Akti­ons­plan gegen Propa­ganda im Internet vor. Das Budget einer 2015 einge­rich­teten Task Force gegen russi­sche Einfluss­nahme wurde verdop­pelt und ein Schnell­warn­system, über das EU-Staaten Mani­pu­la­ti­ons­ver­suche melden können, auf den Weg gebracht. Außerdem verpflich­teten sich Platt­formen wie Face­book, Twitter und YouTube, Social Bots zu kenn­zeichnen oder zu löschen. Wie viel dies nützen wird, ist unklar. Manche EU-Staaten, insbe­son­dere aus Osteu­ropa, wünschen sich bereits eine deut­li­chere Antwort auf Hetz­kam­pa­gnen und Fake News.

Berater Kazemi jeden­falls zeigt sich unbe­ein­druckt. Solange der Meinungs­kampf in den Foren unge­zü­gelt weiter­geht, entwi­ckelt er für seine poli­ti­schen Mandanten eigene Lösungen. "Wir bauen Bots, die andere Bots zerstören", erklärt er und klingt ein biss­chen stolz. Seine Firma setze Fake-Profile ein, die darauf program­miert seien, Face­book andere Bots zu melden. Dann erkenne das Netz­werk fremde Bots wie auch eigene - und lösche am Ende alle.

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dpa /

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