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21.05.2016 - 08:54
Kommentar

Zähes Ringen um die deutschen Privatradios auf DAB+

Medienanstalten wollen DAB+ schmackhaft machen

"Let's get digital": Wer sich aktuell in der Schweiz aufhält und fernsieht, kommt um diesen TV-Spot nicht herum. Fröhlich vereint machen öffentlich-rechtliche und private Hörfunksender Werbung für das neue digital-terrestrische Radio. Am Ende des Spots heißt es: "Verpassen Sie nicht den Anschluss. Die Schweiz stellt um auf den Hörfunkstandard DAB+". Spätestens 2022 soll bei den Eidgenossen Schluss mit dem analogen UKW-Hörfunk sein - und fast alle Marktakteure ziehen mit. Senderchef: Die Zukunft liegt im mobilen Internet

Viele Privatradios wettern gegen DAB+

Viele Privatradios wettern gegen DAB+
Bild: VQ

Von einer solchen Einigkeit kann man derzeit in Deutschland nur träumen. Hier sind es vor allem die großen kommerziellen Privatradios, die aktuell in reichweitenstarken Gazetten wie der FAZ mächtig gegen den Digitalfunk wettern und diesen am liebsten zum Teufel jagen würden. Jüngstes Beispiel: Ein Gastbeitrag von Kai Fischer, Geschäftsführer von Antenne Niedersachsen. Er bezeichnet darin DAB+ nicht als technischen Fort-, sondern als Rückschritt: "Die Forderung nach einem klaren Signal der Medienpolitik in Deutschland für DAB+ und gegen UKW ist falsch und hätte fatale Folgen", konstatiert Fischer. "Wenn die Radioveranstalter mit ihren Angeboten nicht mehr dort vertreten sind, wo die Menschen sie nutzen, werden wir sie verlieren. Und mit den Hörern verlieren die Sender ihr Zukunftsmodell".

Er kritisiert auch die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundes­ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Dorothee Bär. Sie habe zwar recht mit ihrer Feststellung, dass sich die Art und Weise, wie Menschen heute Radio hören, ändert. Ihr Einsatz für DAB+ bringe aber nicht den erforderlichen Fortschritt, da sich hierbei nur die Übertragungs­form ändere. Das mobile Internet gewinne vielmehr als Übertragungs­weg für Radio massiv an Bedeutung. Acht Millionen DAB+- gegen 500 000 DAB-Alt-Geräte Würden wir heute, fünf Jahre nach der Einführung von DAB+, von Verkaufszahlen um die 500 000 Geräte insgesamt reden, könnte man Fischers Argumentation noch nachvollziehen. Diese mageren 500 000 Empfänger waren es, die beim gescheiterten alten DAB-Standard zwischen 1995 und 2010 über den Ladentisch gewandert sind. Die meisten waren Autoradios, die noch nicht einmal für DAB genutzt wurden, sondern für die seinerzeit noch revolutionäre Möglichkeit, MP3-Files im Fahrzeug zu hören. Das alte DAB war ein Flop.

Bei DAB+ ist aber alles anders: Eine neue Studie rechnet mit bis zu acht Millionen verkauften Empfangsgeräten bis Ende 2016. Dann würden bereits in über 15 Prozent der deutschen Haushalte mindestens ein DAB+-Gerät stehen. Nach fünf Jahren, ohne Markteingriff und nur begrenztem Marketing, ist das durchaus als Erfolgsstory zu bezeichnen. Ein konzertiertes Zusammenarbeiten zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern wie in der Schweiz, mit gemeinsamen Werbeaktionen On- und Off-Air, könnte die Verkaufszahlen noch schlagartig weiter in die Höhe treiben. Die Angst vor den vielen, neuen Konkurrenten Eigentlich könnte der Privatfunk von DAB+ profitieren: Die Verbreitungs­kosten würden sinken, wenn UKW abgeschaltet würde, die technische Übertragungs-Qualität würde steigen, es gebe kein Rauschen mehr, durch Gleichwellennetze könnte sich auch die technische Reich­weite erhöhen, und die Programmanbieter könnten digitale Ableger starten, so wie es etwa die Privat-TV-Gruppen RTL und ProSiebenSat.1 derzeit im Fernseh­bereich tun. Und attraktive hybride Geschäftsmodelle im Internet - ebenfalls wie beim Fernsehen - wären auch möglich.

Doch es gibt aus Sicht der privaten Sender ein Problem. Eines, dass die Geschäftsführer in ihren Gastbeiträgen natürlich nicht erwähnen: Ein Umstieg auf DAB+ beseitigt den aktuellen Frequenzmangel auf der UKW-Skala. Ein großer landesweiter Privatsender bekäme plötzlich pro Radiomarkt 20 und mehr Konkurrenten, gleichberechtigt in digitalen Multiplexen. Die gesamte Radiolandschaft würde sich verändern. Und genau das ist es, wovor die etablierten kommerziellen Sender in Wirklichkeit Angst haben. Über 30 Jahre befanden sie sich in einem gesicherten Biotop, geschützt durch Medienpolitik und den Mangel an UKW-Frequenzen, der neue Konkurrenten weitgehend ausschließt.

Es ist also weniger der Traum von lukrativen neuen Geschäftsmodellen im mobilen Internet, die ohnehin erst funktionieren würden, wenn es echte Flatrates und bundesweit flächendeckende LTE-Netze gäbe. Es ist vielmehr die Furcht vor massiver Konkurrenz, durch die Marktanteile bröckeln könnten. Das aktuelle Verhalten der Platzhirsche in Bezug auf DAB+ erinnert daher auch an den berühmten Satz von Gandhi: "Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du."

Es ist vor diesem Hintergrund auch interessant, dass die großen Privatradios noch 2011, vor dem Start von DAB+, die relative Markt­durchdringung bereits ab sechs Millionen verkauften Geräten sahen. Heute wollen sie davon nichts mehr wissen. Es drängt sich der Verdacht auf, als hätten viele Senderchefs angesichts des "DAB-Alt-Debakels" nicht damit gerechnet, dass DAB+ überhaupt jemals so erfolgreich werden könnte.

Nicht ein Umstieg auf DAB+ gefährdet die Gattung Hörfunk, wie es so mancher Senderchef derzeit gerne der Öffentlichkeit verkaufen möchte, sondern die Veranstalter gefährden mit ihrer Haltung gegen DAB+ die Zukunft der Gattung. Gewinner dieser Zurückhaltung und Blockade könnten nämlich vor allem Unternehmen außerhalb der Radiolandschaft sein: Etwa Musikstreamer wie Spotify, die nun auch klassischen Radio-Content anbieten. Medienanstalten wollen Privatsender doch noch auf DAB+ hieven Die Landesmedienanstalten versuchen unterdessen nach wie vor alles, um die kommerziellen Sender doch noch auf den digitalen DAB+-Kurs zu trimmen: Die Landesanstalt für Kommunikation (LFK) Baden-Württemberg etwa erarbeitete beispielsweise das Konzept für eine weitere Ausbaustufe für DAB+ und startet dafür einen "Call for Interest". Die Konzeption sieht vor, die bisherige einheitliche landesweite Verbreitung auf vier Verbreitungsgebiete zu regionalisieren und damit zu flexibilisieren, was für einige Sender auch kostengünstiger wäre.

Ähnliche Ansätze gibt es in Bayern. Hier sollen zehn oder elf DAB+-Verbreitungsgebiete zur flächendeckenden terrestrischen Versorgung aller Landesteile Bayerns mit digitalem privatem Lokalfunk festgelegt werden. Zudem wird die Geschäftsführung der bayerischen Landesmedienanstalt (BLM) beauftragt, die bayerischen privaten Hörfunkanbietern bei ihrer Forderung nach einer staatlichen Förderung der digitalen technischen Verbreitungskosten zu unterstützen. Doch dafür müssen die kommerziellen Anbieter DAB+ tatsächlich wollen. Und hiernach sieht es im Moment nicht aus. Ob es eine Dummheit ist? Die Zukunft wird es zeigen.

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