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04.12.2019 - 09:15
Aufwind

Nur Bares ist Wahres: Mythos oder Wahrheit?

Kippt die Präferenz zum mobilen Bezahlen?

Unter dem Stich­wort „Cash vs. Cash­less“ disku­tierten Markus Petzold von der DKB-Bank, Juliane Schmitz-Engels von Master­card, Ulrich Binne­bößel vom Haupt­verband des deut­schen Einzel­handels (HDE), Ralf Gladis, Geschäft­führer der Firma Comp­utop und Thomas Rausch von Barzah­lungs­dienst­leister Glory unter der Diskus­sions­leitung von Florian Treiß (Mobil­branche) die Zukunfts­perspek­tiven rund ums Bezahlen im Handel. Treff­punkt war das Base­camp in Berlin. teltarif.de war vor Ort. Oft fehlt die Wahl­möglich­keit beim Bezahlen

V.l. Binnebößel (HDE), Schmitz-Engels (Mastercard), Rausch (Glory), Gladis (Computop), Treiß (Mobilebranche), Petzold (DKB)

V.l. Binnebößel (HDE), Schmitz-Engels (Mastercard), Rausch (Glory), Gladis (Computop), Treiß (Mobilebranche), Petzold (DKB)
Foto: Henning Gajek / teltarif.de

Der Trend geht nach Ansicht der Teil­nehmer auch in Deutsch­land klar zur bargeld­losen Zahlung, auch wenn sich hier­zulande die Zahl der Umsätze mit Bargeld oder bargeldlos noch die Waage halten.

Bezieht man die Statistik auf die statt­gefun­denen Trans­aktionen, werden sogar noch drei Viertel aller Einkäufe in bar bezahlt.

Mit der langsam immer flächen­deckender werdenden Aufstel­lung kontakt­loser Bezahl­termi­nals wurde die Grund­lage für Mobile Payment und kontakt­lose Karten­zahlung geschaffen. Ein wich­tiger Punkt waren die Starts von Google Pay und Apple Pay Mitte bzw. Ende 2018.

Im inter­natio­nalen Vergleich bezahlen die Deut­schen noch deut­lich häufiger in bar als beispiels­weise in Schweden, wo mitt­lerweile über 80 Prozent aller Trans­aktionen bargeldlos – also per Karte, über Online-Bezah­lung oder das Handy oder die Smart­watch - abge­wickelt werden. Die Deut­schen lieben Bargeld? Die oft zu lesende Schlag­zeile „die Deut­schen lieben ihr Bargeld“ sei aber Quatsch. Es fehle oft schlicht eine Alter­native oder die Wahl­frei­heit, so Master­card-Expertin Juliane Schmitz-Engels. Sie sieht das Handy als "Geld­börse der Zukunft: Die Menschen haben das Handy öfter in der Hand als ihr Porte­monnaie. Bereits im ersten Jahr nach Start von Apple Pay ist ein deut­licher Wandel zum mobilen Bezahlen überall spürbar.“

Doch Bargeld hat auch Vorteile: Wer Wert auf Daten­schutz legt oder ein Backup beim Ausfall bargeld­loser Systeme braucht, ist mit Bargeld theo­retisch besser dran, nur Bargeld ist anfällig für Fälschungen, fördert krimi­nelle Geschäfte oder sogar den Dieb­stahl im Handel.

Thomas Rausch vom Bargeld-Spezia­listen Glory plädiert dafür, sich vom Bild des "klas­sischen Barzah­lers oder Nicht­barzah­lers" zu verab­schieden: "Viel wich­tiger ist es, dass der Einkauf conve­nient für den Käufer ist.“ Deut­sche Banken hören (neuer­dings) auf ihre Kunden Lange hat es gedauert. Ralf Gladis vom Bezahl­dienst­leister Comp­utop zwei­felt an der Liebe der Deut­schen zum Bargeld. Schlechte Karten­produkte der deut­schen Banken seien mit schuld am Status quo, findet er. Die Banken hätten lange verschlafen, bargeld­loses Bezahlen im Laden für den Kunden komfor­tabel zu machen. Aktuell drängen neben den Lösungen aus den USA wie Google Pay und Apple Pay auch chine­sische Firmen wie Alipay und WeChat auf den euro­päischen Markt: Chine­sische Touristen können in Deutsch­land bereits an vielen Stellen mit Alipay oder WeChat Pay bezahlen. "Da ist der nächste logi­sche Schritt, dass auch Deut­sche Kunden das nutzen können", und damit könnten chine­sische Anbieter den deut­schen Banken bald das Wasser abgraben.

Den Banken bleibt da oft nur noch die Rolle des Mitläu­fers. Gerade noch recht­zeitig hat das die DKB-Bank erkannt und konnte im Juni 2019 Apple Pay frei­schalten, deren Inno­vati­onschef Markus Petzold gewährte Einblicke in die als "einfallslos" geschol­tene Branche.

Die Nach­frage nach Apple Pay war vehe­ment: „Tausende Nutzer­anfragen, explo­dierende Such­anfragen“. Da haben wir - weniger aus Über­zeugung oder Inno­vati­onsfreude - einge­lenkt, denn die ohnehin geringe Trans­akti­onsge­bühr muss sich die Bank mit Apple teilen.

Die Bank hat ein "gespal­tenes Verhältnis" zum Bargeld. Einer­seits ist das kosten­lose Abheben von Bargeld das Verkaufs­argu­ment für die eigene Kredit­karte, ande­rerseits hat die DKB eine Kampagne gestartet, um mit Barzah­lungs­mythen zu brechen: „Die Plas­tikkarte wird verschwinden“. Biome­trie wird beim Payment immer wich­tiger Ralf Gladis denkt schon weiter: Der Bezahl­vorgang werde in Zukunft vorder­gründig komplett verschwinden. „Die Plas­tikkarte wird verschwinden.“ Das letzte Über­bleibsel des Bezahl­vorgangs sei dann die Authen­tisie­rung durch Biome­trie oder ein Pass­wort.

Schon heute gäbe es genü­gend Beispiele: In der Londoner U-Bahn kann man kontaktlos und mobil per NFC zahlen. Die Karte ist dort der Fahr­schein, der auto­matisch beim Betreten und Verlassen des Bahn­steigs gelöst wird und auto­matisch das güns­tigste Ticket berechnet. Das gab es in ähnli­cher Form auch in Deutsch­land mit der leider einge­stellten Touch&Travel-App der Deut­schen Bahn. Handel will einheit­lichen, euro­päischen Bezahl­stan­dard Vom Bargeld will sich Ulrich Binne­bößel, der seit 2006 den Bereich „Zahlungs­verkehr“ im Haupt­verband es Deut­schen Einzel­handels (HDE) verant­wortet, nicht verab­schieden. Für die Händler ist Bargeld zwar in Sachen Hygiene, Beschaf­fung, Sicher­heit usw. oft mit Nach­teilen verbunden. Viele Händler bieten mitt­lerweile an ihren Kassen sogar die Abhe­bung von Bargeld (bei Errei­chen eines Mindest­umsatzes) an, was in Zeiten der immer weniger werdenden lokalen Bank­filialen vor Ort einen echten Mehr­wert für die Kunden bietet.

Im Handel sei die Akzep­tanz durch den nahezu flächen­deckenden Ausbau kontakt­loser Bezahl­termi­nals zwar hoch, dennoch müsse man Kunden die Wahl­frei­heit lassen, wie sie ihre Waren bezahlen. Durch die Flut verschie­dener Zahlungs­mittel seien Kunden oft über­fordert. Die Händler geraten unter Druck, weil sie verschie­dene Zahlungs­stan­dards anbieten müssen, um ihre Kunden nicht zu verschre­cken. Das bedeutet: Etliche Verträge, zum Teil unter­schied­liche Zahlungs­termi­nals.

Deshalb fordert Binne­bößel einen zentralen euro­päischen Bezahl­stan­dard auf Basis der SEPA-Über­weisung, den auch alle Bezahl­anbieter nutzen könnten und der auf einen Schlag eine breite Akzep­tanz aller gängigen Bezahl­optionen im statio­nären Handel möglich machen würde. Wer ist mein Kunde? Das Fehlen einheit­licher Stan­dards stellt Händler auch vor Probleme bei der Authen­tisie­rung der Kunden beim Bezahl­vorgang, die bisher in der Regel von den Banken durch­geführt wird. Das führt dazu, dass die Händler zuneh­mend die Kunden­authen­tifi­zierung selbst machen und sich so die Kontrolle über das Kauf­erlebnis im Online­shop zurück­holen. Die Zukunft: Digi­tales Bargeld? Binne­bößel wünscht sich eine Zahlart, die die Vorteile beider Welten kombi­niert, etwa eine Art digi­tales Bargeld. Eine staat­lich ausge­gebene Kryp­towäh­rung wie die in Schweden kürz­lich test­weise einge­führte E-Krone sei eine Möglich­keit. Ansätze, die Bargeld und digi­talen Handel verbinden, gibt es bereits seit Jahren: Mit Barzahlen.de, das kurz vor der Über­nahme durch Glory steht (einem japa­nischen Hersteller für Bargeld-Recy­cling­maschinen, die man u.a. bei Edeka und an Shell-Tank­stellen finden kann), können Online-Rech­nungen im statio­nären Handel bar bezahlt werden. Barzahlen.de arbeitet beispiels­weise mit den Online-Banken N26 und o2-Banking zusammen. Und die Praxis: Der Autor hat in Berlin im Selbst­versuch probiert, bargeldlos über die Runden zu kommen. Es geht inzwi­schen erstaun­lich gut. Selbst Imbiss­buden an Bahn­höfen halten immer öfters ein kontakt­loses Bezahl­terminal bereit. Auch Bezahlen mit der Uhr wird gerne akzep­tiert. Auch beim Nobel-Italiener wurde der Autor kurz taxiert: "Sie zahlen mit Karte?" Das Bezahlen mit Uhr scheint dort schon Stan­dard zu sein.

Verlässt man Berlin mit der Bahn, zuckte schon die freund­liche Schaff­nerin mit frischem Kaffee die Schul­tern: "Karte? Das kommt bei uns erst nächstes Jahr." Steigt man dann aus, irgendwo im Land, sieht es ähnlich aus: Nur Bargeld, und ab und zu einmal die "EC-Karte", die längst "Giro­card" heißt (der Begriff "EC"-Karte ist längst von Master­card für seine eigene Maestro-Debit­karte als Marke geschützt).

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