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15.04.2019 - 09:15
Diskussion

Pro & Contra: Ist die Einführung von 5G Broadcast wirklich nötig?

Zwei Meinungen aus der Redaktion von teltarif.de

Mit 5G Broad­cast steht ein neuer Rund­funk­stan­dard in den Start­lö­chern. Aktuell gibt es erste Test­aus­strah­lungen in Bayern, weitere sind in NRW und Nach­bar­län­dern außer­halb Deutsch­lands geplant. 5G Broadcast sorgt für neue Möglich­keiten der Rund­funk­ver­brei­tung an mobile Endgeräte. Erstmals werden hierbei High-Power High-Tower (HPHT)-Anwendungen im Downlink-only-Modus über bestehende Rund­funk­sender möglich.

In München ist bereits 5G Broadcast zu empfangen

In München ist bereits 5G Broadcast zu empfangen
Foto: Media Broadcast

Nicht nur auf Smart­phones und Tablets sollen die Ausstrah­lungen empfangbar werden, sondern auch auf herkömm­li­chen Fern­se­hern oder Radio­ge­räten. Doch bislang sind weder Geschäfts­mo­delle klar noch Fragen des Zugangs gelöst.

Darum disku­tieren zwei teltarif.de-Redak­teure darüber, ob die Einfüh­rung eines neuen Stan­dards just zu einem Zeit­punkt sinn­voll ist, wo der Aufbau von Sender­netzen für digital-terres­tri­sches Fern­sehen (DVB-T2) und Radio (DAB+), also den aktu­ellen digi­talen Rund­funk-Tech­no­lo­gien, noch nicht einmal abge­schlossen ist. Pro und Contra


Markus Weidner
Pro
Markus Weidner
Ich sehe in 5G Broad­cast eine gute Möglich­keit, um einen einheit­li­chen IP-basierten digi­talen Über­tra­gungs­stan­dard für Radio und Fern­sehen zu schaffen. Mit dem Multi­cast-Verfahren, das ja auch schon für die IPTV-Ange­bote beispiels­weise von der Deut­schen Telekom und von Voda­fone im Fest­netz verwendet wird, gibt es auch keine Kapa­zi­täts­eng­pässe, wie sie bei klas­si­schem Strea­ming (also Punkt-zu-Punkt-Verbin­dungen) zwangs­läufig auftreten würde.

Tech­nisch wären solche Broad­cast-Lösungen auch über LTE schon machbar. Firmen wie Ericsson haben uns auf dem Mobile World Congress (MWC) und auf eigenen Veran­stal­tungen schon vor Jahren die Technik gezeigt. Warum LTE Broad­cast bis heute nicht reali­siert wurde, ist mir ein Rätsel. Natür­lich könnte man argu­men­tieren, dass die Mobil­funk-Provider dafür kein Geschäfts­mo­dell sehen. Wo aber ist der Unter­schied zu Magen­taTV & Co. im Fest­netz, wo natür­lich der Netz­be­treiber Programm­pa­kete vermarktet und somit auch etwas davon hat?

Wichtig wäre es frei­lich, für die Rund­funk­an­stalten eine eigene Sender­in­fra­struktur beizu­be­halten. Das ist aber auch mit 5G möglich, indem es eben eigene Netze speziell für den Rund­funk gibt, die unab­hängig von den klas­si­schen Mobil­fun­kern beispiels­weise von der jewei­ligen Landes­rund­funk­an­stalt oder von Media Broad­cast betrieben werden. Hier könnten die glei­chen Rege­lungen gelten wie für den Aufbau und Betrieb der DVB-T2- und DAB+-Sender­netze.

Der Vorteil gegen­über DVB-T2 und DAB+ ist beispiels­weise ein Rück­kanal, über den Zuschauer und Hörer direkt auf das Programm Einfluss nehmen können. Für die Rund­funk­an­stalten ergäbe sich eine einheit­liche Netz­in­fra­struktur für Fern­sehen und Hörfunk, und in mit Broad­cast unver­sorgten Gegenden könnte man als Backup auf klas­si­schen Mobil­funk mit "herkömm­li­chem" Strea­ming auswei­chen, ohne gleich einen zusätz­li­chen Über­tra­gungs­stan­dard unter­stützen und enorme Lauf­zeit­un­ter­schiede berück­sich­tigen zu können. Natür­lich darf es beim Über­gang zum klas­si­schen Mobil­funk für die Kunden nicht zu einer Kosten­falle kommen. Das ließe sich durch eine Sperre - ähnlich wie für Daten-Roaming - lösen.

DVB-T2 und DAB+ gebe ich keine sehr lange Zukunft. In der Schweiz ist das terres­tri­sche Fern­sehen schon in Kürze Geschichte und selbst ARD und ZDF bieten DVB-T2 nicht mehr flächen­de­ckend an, was ich für einen fatalen Fehler halte. DAB+ wird niemals die Flächen­ver­sor­gung errei­chen wie wir sie heute vom UKW-Rund­funk kennen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das Auto­radio irgend­wann selbst entlang von Bundes­straßen mögli­cher­weise stumm bleibt. Die Lösung könnte die bereits erwähnte Kombi­na­tion aus 5G Broad­cast und Strea­ming sein.


Michael Fuhr
Contra
Michael Fuhr
Was gab es nicht schon Versuche, um Fern­sehen per Rund­funk aufs Handy zu bekommen: DMB, DVB-H, DVB-T, DVB-SH - sie sind alle geschei­tert. Auch 5G Broad­cast oder besser die dahinter stehende Technik FeMBMS ist nichts Neues, schon aktuell wäre es mit 4G/LTE möglich, Rund­funk per Multi­cast zu über­tragen. Es fehlen aber Geschäfts­mo­delle. Die Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zerne inves­tieren Millionen in den Aufbau der Netze und benö­tigen zur Refi­nan­zie­rung Einnahmen aus High­speed-Daten­ver­trägen oder Flat­rates. Ein Groß­teil der Daten entfällt auf Medien-Strea­ming. T-Mobile hat in Öster­reich schon deut­lich gemacht, dass man an einem kosten­losen Zugang von Radio und Fern­sehen ohne SIM-Karte kein Inter­esse hat und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen eine gesetz­liche Verpflich­tung, da eine solche die Umsätze schmä­lert. Am Ende droht ein Fiasko: Fernseh- und Hörfunk­an­bieter schi­cken Signale in die Luft, die auf keinem Smart­phone oder Tablet empfangen werden können, da die Mobil­funk­un­ter­nehmen den Zugang blockieren bezie­hungs­weise an eine SIM-Karte binden.

Bleiben andere Endge­räte wie Set-Top-Boxen, Fern­seher oder Radios. Doch hier ist die Einfüh­rung eines neuen Rund­funk­stan­dards unnötig wie ein Kropf, weil es im Vergleich mit den heutigen Verfahren keinen erkenn­baren Mehr­wert gibt. Zudem werden Konsu­menten, die man gerade zum Umstieg auf DAB+ beim Radio und DVB-T2 beim Fern­sehen bewegt, durch Diskus­sionen über einen erneuten Nach­folger völlig verun­si­chert. Für hybride Anwen­dungen wie Media­theken, Podcasts, perso­na­li­sierte Werbung oder den inter­ak­tiven Rück­kanal braucht man kein weiteres Rund­funk­system. Schon heute gibt es Apps oder Tech­no­lo­gien, die Broad­cast mit Broad­band verknüpfen - zum Beispiel HbbTV beim Fern­sehen oder RadioDNS beim Radio.

Sicher: Mit dem 5G-Broad­cast-Modus würden Streams wie Fußball­über­tra­gungen, die Millionen Zuschauer sehen, auf Smart­phones oder Tablets stabil laufen. Aber das kann man auch anders lösen: Mit einem Rund­funk-Chip für DVB-T2 und DAB+ in den mobilen Endge­räten, der bei hohen Stück­zahlen viel­leicht einen Euro pro Einheit kostet. Damit wäre auch der kosten­in­ten­sive Aufbau eines weiteren Rund­funk­netzes über­flüssig. In der Theorie ist das alles machbar, doch auch hier sind es die Telkos, die den freien Zugang von Rund­funk blockieren, da sie die Zugangs­kon­trolle über Smart­phones und Tablets für sich bean­spru­chen. Hinter vorge­hal­tener Hand habe ich von einem namhaften Hersteller erfahren, dass es sogar Droh­ge­bärden seitens der Mobil­funk­un­ter­nehmen gegeben haben soll, falls digi­tale Rund­funk­tech­no­lo­gien wie DAB+ oder DVB-T2 in Smart­phones verbaut würden. Man deutete an, alle Modelle des Herstel­lers aus dem Programm zu werfen. Da sich an einer solchen Haltung vermut­lich auch bei 5G Broad­cast nichts ändern wird, halte ich die Einfüh­rung zum momen­tanen Zeit­punkt für unsinnig.



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